Erinnerungsspuren - Überlebsel aus den Anfängen der Psychoanalyse

Tagung vom 8.-10.12.06 in Bremen


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Anlässlich des 150. Geburtstages des Begründers der Psychoanalyse soll diese Tagung Gelegenheit bieten, 110 Jahre psychoanalytische Theoriebildung vor dem Hintergrund aktueller Fragestellungen kritisch zu hinterfragen. Der Brief, den Sigmund Freud am 6.12.1896 an Wilhelm Fließ schrieb, bietet sich dabei in besonderer Weise an, auch wenn die Idee auf den ersten Blick exzentrisch scheinen mag.

In einer bemerkenswerten Vorwegname des „linguistic turn“, welcher die Sprache in ihren strukturierenden und wirklichkeitsformenden Dimensionen fokussiert, fasst Freud in diesem Brief das Psychische in sprachlichen Termini. Seine Überlegungen zu Gedächtnis und Bewusstsein, zu Verdrängung o.ä. formuliert er in Begriffen, die aus dem Feld der Sprache stammen: Freud schreibt von „Niederschriften“, „Umschriften“, „Verdrängung als Versagung der Übersetzung“. Verfrühte, gleichsam vorträgliche Einfälle, deren Zeit erst noch kommen musste? Liest man den Brief heute, dann erscheint er als nachträglicher Ursprung einer Psychoanalyse, die das psychische Geschehen in Termini einer „als-ob-Sprache“ zu fassen versucht. Einem „Überlebsel“ gleich – auch dies ein von Freud verwendeter Begriff – scheint das hier Formulierte etwas zu sein, das eben erst über den Umweg des „linguistic turn“, der in den Kultur- und Sozialwissenschaften viel später einsetzte, (wieder)entdeckt werden und wirken konnte.

Die angesprochenen Passagen stehen recht unvermittelt neben einem System „männlicher“ und „weiblicher“ Perioden, mit dem Freud und Fließ das menschliche Leben und das Auftreten psychischer Symptome in geschlechtsspezifischen Rhythmen zu erfassen versuchten. In seiner biologistischen Skurrilität wirkt dieser Versuch, das menschliche Leben naturwissenschaftlich zu begründen, zu systematisieren und nicht zuletzt zu kontrollieren, befremdlich, ja fast schon belustigend. Vielleicht gerade weil der Wunsch, der hier Vater des Gedankens gewesen sein könnte, auch heute noch virulent ist? Was ist vor diesem Hintergrund z.B. von den Versuchen zu halten, die Psychoanalyse naturwissenschaftlich zu begründen? Markiert das Freud-Fließsche System der Perioden einen Ort, den heute z.B. die Neurowissenschaften einzunehmen versuchen?

Im Brief scheitert Freud bei dem Versuch das, was er als „Psychisches“ verstanden haben will und als Schriftliches formuliert mit dem „Sexuellen“, gefasst als Perioden, Phasen und Neuronen, zu vermitteln.

Das im Brief formulierte erweist sich als erstaunlich aktuell und ist ein Anlass, aus einer wissenschaftshistorischen und erkenntniskritischen Perspektive danach zu fragen, was aus dem dort Entworfenen geworden ist. Wie artikulieren sich die oben genannten Probleme heute? Zugleich ist ein Blick zu werfen auf das auch heute zu konstatierende Auseinanderfallen von (de)konstruktivistischen Ansätzen auf der einen und (re)biologisierenden Ansätzen auf der anderen Seite. Wofür könnte dies symptomatisch sein? Lässt sich sagen, dass auf beiden Seiten – ohne diese auf der gleichen Ebene zu verorten – etwas insistiert, was auf der jeweils anderen verloren zu gehen droht?

Über diese Auswahl an Fragen hinaus scheint sich in Freuds Brief, mehr als 100 Jahre später gelesen, eine Vielzahl noch immer relevanter Fragestellungen zu kreuzen. In diesem Sinne will die Tagung den Brief als Anlass und Ausgangspunkt nehmen, das Entworfene bei Freud und über ihn hinaus zu verfolgen, sich auf die Spur all dessen zu begeben, was nachträglich hier seinen Ursprung zu haben scheint. Deswegen, weil der Brief in die Bewegung eingeschrieben ist, von der er selbst handelt: Übersetzung, Verdrängung, Nachträglichkeit.

Wir möchten Sie daher herzlich einladen zum Lesen und Wiederlesen, um gemeinsam der Frage zu folgen: Was will dieser Brief von uns?

ReferentInnen  sind:

PD Dr. Lilli Gast (Berlin)
Dr. Udo Hock (Berlin)
Dipl.-Psych. Daru Huppert (Cambridge)
Dipl.-Psych. Christine Kirchhoff (Bremen)
Apl. Prof. Dr. Elfriede Löchel (Bremen)
PD Dr. Peter Schneider (Zürich)
Prof. Dr. Christoph Türcke (Leipzig)
Dr. Michael Turnheim (Paris)

Konzeption und wissenschaftliche Leitung:

Forum für psychoanalytische Forschung - Tagungsgruppe


        Frank Dirkopf
        Dara Chassin du Guerny
        Judith Heckel
        Torsten Jesuiter
        Christine Kirchhoff
        Lars Lippmann
        Katharina Rothe
        Sonja Witte

Apl. Prof. Dr. Elfriede Löchel (FB11)

Dr. Insa Härtel (FB 9/ ZFS)
 

Mit freundlicher Unterstützung der:

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Uni-Bremen

BPV

Bremer-Psychoanalytische-Vereinigung

Rosa-Luxemburg-Initiative
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